Die erste Schweizerin, die eine Lizenz zum Fliegen eines Jets besass, hiess Ursula Bühler Hedinger. «Es gibt nichts Schöneres, als wenn Sie über die Wolken hinaus kommen – die Sonne, die Schneeberge, nachts das Sternenmeer. Da habe ich auch schon einen Kreis gedreht; was ich nicht hätte tun dürfen», erzählte sie im Jahr 2007 in einem Radiointerview. Auch nach über 15 000 Flugstunden schwärmte die passionierte Pilotin vom traumhaften Gefühl beim Akrobatikfliegen: «Das hat mich frei gemacht – die Erde ist ohne Probleme, wenn man von oben herabschaut.»

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Keineswegs problemlos verlief jedoch Ursula Bühler Hedingers Werdegang. 1943 in Zürich geboren, wächst das Mädchen in einem schwierigen Umfeld auf. Zusammen mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder kämpft sie um die Aufmerksamkeit der Eltern. Der Vater Fritz Bühler ist beruflich stark engagiert. Die Mutter verunfallte, als Ursula fünf Jahre alt war und war von da an behindert und geschwächt. Als Ursula dreizehn Jahre alt ist, stirbt die Mutter. Und es wird für das stille Mädchen noch schwieriger. Schon kurz nach dem Tod der Mutter reisst Ursula zum ersten Mal von zu Hause aus. Obschon der Vater ein Kindermädchen engagiert, bleibt Ursula oft auf sich allein gestellt. Als Teenager reist sie per Autostopp durch Europa. Mit sechzehn heuert sie in Antwerpen auf einem Frachter als Putzhilfe an und fährt nach Amerika.

Diese Reise begeistert sie. Sie beginnt sich für Motoren und Maschinen zu interessieren. Logbücher führen, Navigation: davon ist sie fasziniert. Die Reise auf dem Frachter legt den Grundstein ihres Traums: Sie will navigieren. Nicht auf dem Schiff, sondern in der Luft. In ihrem Kopf setzt sich die Idee fest, Pilotin zu werden. Doch zurück in der Schweiz landet sie auf dem Boden der Realität. Für Frauen gibt es bei der Swissair im Cockpit keinen Platz. Die weibliche Rolle sei die dienende, wird ihr gesagt. Ursula Bühler fügt sich. Sie macht eine Lehre als Laborantin und wird später Hostess bei der Swissair. Doch der Traum vom selber Fliegen lässt sie nicht mehr los. Sie will Flugstunden nehmen. Doch in Zürich wird sie nicht zugelassen; also meldet sie sich in Basel an. Die Stunden spart sie sich vom Mund ab. Und dies im wörtlichen Sinn. Sie habe einige Jahre keine Lebensmittel gekauft, erzählt sie in einem Dokumentarfilm. Sie habe in Papierkörben nach Essbarem gesucht und sich davon ernährt. Die anderen Leute hätten schön blöd geschaut, erzählt sie. Doch um die Meinung der anderen hat sich Ursula Bühler noch nie gekümmert.

Als sie zur Flugprüfung antritt, begrüsst der Experte sie mit den Worten: «Sie würden gescheiter Hemden bügeln.» Aber Ursula Bühler fliegt so gut, dass sie die Prüfung mit Bravour besteht. Doch sie ist noch lange nicht am Ziel: Nach der Privatpilotenprüfung will sie sich zur Berufspilotin ausbilden lassen. Vater Fritz Bühler ist strikt dagegen, obschon er selbst auch im Fluggeschäft tätig ist. Unter seiner Leitung wird die Schweizerische Rettungsflugwacht vom Amateurverein zur professionell geführten Rettungsorganisation Rega.

Natürlich setzt sich Ursula durch. Doch als sie sich 1968, im Alter von 25 Jahren, als Pilotin bei der Swissair meldet, wird sie abgewiesen. Sie bleibt hartnäckig, will die Gründe wissen, protestiert, geht sogar an die Presse. Ohne Erfolg. Schliesslich bescheinigt ihr der damalige Direktor, für den Job des Piloten fehle ihr die sonore Männerstimme und «der behaarte Handrücken am Steuerknüppel».

Bis in der Schweiz eine Frau den Steuerknüppel einer Linienmaschine ergreifen darf, sollten noch 15 Jahre vergehen. Regula Eichenberger war die erste Linienpilotin. Notabene bei der Crossair und nicht bei der Swissair.

Ursula Bühler wählt einen anderen Weg: Sie wird Akrobatikfliegerin und wird bekannt dafür, dass sie viel Risiko auf sich nimmt. Dann rettet sie als Gletscherpilotin Verletzte aus den Bergen. Und macht sich schliesslich als Fluglehrerin international einen Namen. Einen ihrer ersten Flugschüler, Hans Hedinger, heiratet sie 1970.

Schliesslich ist es doch noch ihr Vater, der sie zur ersten Jetpilotin der Schweiz macht. Fritz Bühler will die Flotte der Rega modernisieren und setzt gegen viele interne Widerstände 1973 den Kauf des weltweit ersten zivilen Ambulanzjets Learjet durch. Zusammen mit seiner Tochter testet er das Flugzeug in den USA auf Herz und Nieren. Dann überführen sie es in die Schweiz.

Ursula Bühler Hedinger und Hans Hedinger beim Outside Check am Learjet.Henriette Grindat/Fotostiftung Schweiz

Ursula Bühler Hedinger und Hans Hedinger beim Outside Check am Learjet.

Ursula Bühler Hedinger und ihr Mann Hans bekamen zwei Kinder. Wurde die Mutter zum Fliegen abberufen, sprang zu Hause ein Kindermädchen ein. Und abermals wurde Ursula Bühler Hedinger mit Vorurteilen konfrontiert: Eine Nachbarin zeigte sie an wegen Kindsvernachlässigung. Das sei einer der härtesten Schläge in ihrem Leben gewesen, sagt Bühler Hedinger: «Zuerst hat es geheissen, eine Frau könne nicht Pilotin werden. Dann hiess es, eine Pilotin könne keine Kinder erziehen.» Sie rettet sich auf die ihr eigene Weise aus der Situation. Kurzerhand machte sie das Kindergärtnerinnendiplom in einem Montessori-Kindergarten, so dass die Behörden kein Argument mehr fanden, ihr die Kinder wegzunehmen.

Die Freizeit verbrachte die Familie oft auf dem Flugplatz. Denn Segelfliegen war das Hobby von Hans Hedinger, der als Bordingenieur bei der Swissair arbeitete. Damit Sohn und Tochter in ihrem Motorsegler mitfliegen durften, organisierten die Eltern Kinderfallschirme.

25 Jahre lang arbeitet Ursula Bühler dann für die Rega. Sie holt Kranke und Verunfallte aus aller Welt nach Hause. Das wurde nicht überall geschätzt. Es sei auch mal vorgekommen, dass sie sich als Ärztin verkleidete und in ein Spital geschlichen sei, um einen Patienten in einem unbewachten Moment zu «stehlen», wie sie erzählt. «Ich bin nie ohne Patient nach Hause geflogen», meint sie stolz.

Ursula Bühler Hedinger behauptete sich in einer Männerwelt, in der sie als Frau zeitlebens immer wieder angefeindet wurde. Sie flog in ihrem Leben über 2000 Flugplätze auf der ganzen der Welt an. Unfallfrei.

Erst ihre Krebserkrankung zwang sie, ein paar Gänge hinunter zu schalten. Ihre Arbeit als Fluglehrerin setzte sie aber trotzdem fort. 2009 starb sie im Alter von 66 Jahren. In der Todesanzeige, die sie noch selber verfasste,
schrieb sie: «Nun habe ich sie bezogen, meine Wolke sieben. Hier ist es sonnig, ruhig und friedlich.» Ihr Sohn Beat Hedinger, der selbst auch Pilot geworden ist, sagte an der Abdankung: «Unser Mami hat das ganze Leben gekämpft. Jetzt bin ich sicher, sie hat ‹de Plausch› auf ihrer Wolke oben.»

Dieses Porträt stammt aus dem Buch «Zürcher Pioniergeist» (2014). Es porträtiert 60 Zürcherinnen und Zürcher, die mit Ideen und Initiative Neues wagten und so Innovationen schufen. Das Buch kann hier bestellt werden.
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